Drei Fragen an...
Prof. Dr. Ute Fischer (Öffnet in einem neuen Tab) , Professorin für Politikwissenschaft, einschl. Sozialpolitik und Sozialökonomie im Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften (Öffnet in einem neuen Tab) , hat aktuell gemeinsam mit Dr. Thomas Loer (Öffnet in einem neuen Tab) das Lehrbuch "Deutungsmuster und Habitus rekonstruieren - Das Deutungsmuster der libertären Selbstbezogenheit bei Gegnern der Corona-Maßnahmen und korrespondierende Habitus" veröffentlicht. In drei Fragen gibt sie einen Einblick in die Themen, den Anlass für das Buch und skizziert, was Leser*innen erwartet.
Warum ein Lehrbuch zur Analyse von Deutungsmustern und Habitus?
In der qualitativen Forschung, speziell in der rekonstruktiven Analyse der Objektiven Hermeneutik, stehen sehr häufig der Habitus der untersuchten Personen und ihre Deutungsmuster zu bestimmten Phänomenen im Zentrum unseres Interesses. Zum Beispiel, wenn wir verstehen wollen, wie sie zur Demokratie stehen, warum sich manche radikalisieren oder auch, wie Sanktionen der Jobcenter auf die Arbeitsmotivation von Langzeitarbeitslosen wirken. Aber das genaue Vorgehen bei der Analyse ist nirgendwo ausführlich genug erklärt. Auch die Frage, wie man seitenlange Analyseprotokolle in eine lesbare Form in einer Abschlussarbeit oder einem Fachartikel darstellen kann, stellt Studierende wie Forschende vor größere Herausforderungen. Am Beispiel unserer Analysen im Lehrbuch kann man beides - den Erkenntnisprozess wie auch den Darstellungsprozess - genau nachvollziehen. Studierende oder Forschende ohne Vorerfahrung mit der Objektiven Hermeneutik brauchen zwar trotz des Buches eine Analysegruppe, aber das Lehrbuch kann eine Hilfestellung für selbst organisierte Analysegruppen sein, die ohne eine Lehrperson die Analysen eigenständig erstellen.
Den Begriff des Habitus kennt man in den Sozialwissenschaften als Haltung zur Welt. Aber was sind eigentlich Deutungsmuster?
Wir waren selbst überrascht, dass beide Begriffe nicht so klar sind, wie wir dachten, denn ursprünglich wollten wir keine Begriffsarbeit leisten, sondern beides - Habitus und Deutungsmuster - zum Gegenstand unserer konkreten Analysen mit den Gegnern der Corona-Maßnahmen machen. Aber recht bald wurde deutlich, dass der Habitusbegriff bei Bourdieu doch einige Fragen offenlässt, etwa wie genau man sich die generative Struktur eines Habitus vorstellen muss und wie er wirksam wird. Bei Bourdieu bleibt es vage. Wir haben in unseren Analysen eine komplexe Struktur gefunden, die wir als Habitus bezeichnen: nämlich die Handlungsregeln, die die Auswahl von Handlungsmöglichkeiten bestimmen und der eine Praxis jeweils folgt. Die Handlungsregeln selbst werden durch eine Maxime hervorgebracht, die als Kern des Habitus angesehen werden kann.
Noch komplexer ist das Deutungsmuster. Von ihm dachten wir anfangs ebenfalls, Ulrich Oevermann - der Urheber der Objektiven Hermeneutik - hätte hier einen klaren Begriff angeboten. Durch unsere Analysen konnten wir auch hier unseres Erachtens erstmals dem Musterhaften des Deutungsmusters systematisch und angemessen Rechnung tragen. In aller Kürze: Unsere Fallanalysen zeigen, dass Deutungen, die wir in den untersuchten Ausdrucksgestalten der Fälle fanden, sich auf Deutungsregeln zurückführen lassen. Diese wiederum entspringen einem Schlüsselkonzept und den mit ihm verbundenen Prinzipien der Deutungsregeln. Treten Inkonsistenzen zwischen Deutungen auf, was sehr häufig vorkommt und für die Analysen besonders interessant ist, lässt sich zeigen, dass das Schlüsselkonzept mit seinen Prinzipien gerade so wirkt, dass es die Inkonsistenzen überblendet. Damit werden sie für den Fall zum Verschwinden gebracht, so dass der Einzelne seine eigenen Widersprüche nicht bemerkt. Das Gesamt dieser hier aufgeführten Begriffe in ihrem Zusammenhang - Schlüsselkonzept, Prinzipien und Deutungsregeln - bildet nun den Begriff des Deutungsmusters.
Zu welchen konkreten Ergebnissen sind die Analysen denn gekommen? Was erwartet die Leser*innen insgesamt?
Weil man Analysieren nur anhand von konkreten Forschungsfragen lernen und zeigen kann, haben wir als empirisches Feld die Fragestellung verfolgt, wie die Gegner der Corona-Maßnahmen das staatliche Handeln deuten und mit welchem Habitus ihre Ablehnung verbunden ist. Nachdem wir zunächst den Forschungsprozess und einige begriffliche und methodische Grundlagen der Objektiven Hermeneutik darstellen, haben wir den Forschungsgegenstand bestimmt. Konkret also das Handlungs- und Deutungsproblem, das die Corona-Pandemie und die staatlichen Maßnahmen zu ihrer Eindämmung aufgeworfen haben. Danach stellen wir ausführlich die Analyse von vier Fällen vor: Zwei Fälle anhand von edierten Texten (ein Buch und einen offenen Brief) sowie zwei Fälle auf Grundlage von Forschungsgesprächen. Im Zuge der Fallanalysen haben wir als konkrete Antworten auf die Forschungsfrage das Deutungsmuster der "libertären Selbstbezogenheit" mit dem Schlüsselkonzept der "monadischen Autonomie" rekonstruiert. Es korrespondiert mit unterschiedlichen Habitus zwischen "exaltierter Selbstbehauptung", "durchblickerhafter Selbstüberhöhung", "leerlaufender Selbstcharismatisierung" und "unlebendiger Praxis". Einfach ausgedrückt: alle vier Fälle haben nur ihre eigene Handlungsfreiheit im Blick ohne Bezug auf Gegenseitigkeit und Solidarität innerhalb der Gemeinschaft.
Prof. Ute Fischer, Dr.
mittwochs 12-13 Uhr in der Vorlesungszeit
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