Mit einer Konferenz an der University KwaZulu-Natal (UKZN) in Durban, Südafrika, endete nun das vierjährige Projekt „Global Transformation and Social Work Practice“. In den Augen der beteiligten Forscher*innen der FH Dortmund war es ein Meilenstein in mehrfacher Hinsicht. Ein Interview.
Das vom Deutschen Akademischen Austauschdienst DAAD (Öffnet in einem neuen Tab) geförderte Projekt habe nicht nur die Forschung beflügelt, sondern auch das Verständnis füreinander und die Zusammenarbeit miteinander enorm vorangebracht, bilanzieren Prof. Dr. Michael Boecker, Prorektor für Forschung und Transfer, und Dorothee Boecker, beide vom Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften.
Was waren die Ziele des Projekts?
Michael Boecker: Im Mittelpunkt der DAAD-Partnerschaft standen die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (Öffnet in einem neuen Tab) , die einen dringenden Aufruf zum Handeln aller Länder – Industrie- und Entwicklungsländer – als globale Partnerschaft darstellen. Die Ziele betonen, dass die Beseitigung von Armut und anderen Entbehrungen mit Strategien zur Verbesserung von Gesundheit und Bildung, zur Verringerung von Ungleichheiten und zur Förderung des Wirtschaftswachstums einhergehen muss.
Dorothee Boecker: Die SDGs stehen im Einklang mit der Verpflichtung der Globalen Agenda für Soziale Arbeit und soziale Entwicklung (2020-2030), soziale und wirtschaftliche Entwicklung gemeinsam zu gestalten. Sie betonen auch, wie wichtig es ist, Forschungskompetenzen und Netzwerke zu stärken, um die nächste Generation von Sozialarbeitswissenschaftlern zu unterstützen, die sich in einer kritischen Umbruchphase an den Hochschulen befindet. Als Menschenrechtsprofession setzt sich die Soziale Arbeit für die Wahrung der Menschenwürde ein und ist bestrebt, ungerechte Strukturen kritisch zu reflektieren und zu verändern.
Michael Boecker: Aktuelle Herausforderungen wie die Auswirkungen von Naturkatastrophen und von Menschen verursachten Katastrophen, Kriege, Konflikte und Bürgerkriege innerhalb und zwischen Ländern stellen die Akteure der Sozialen Arbeit in den Ländern des globalen Nordens und des globalen Südens vor neue Herausforderungen.
Die ungleiche Verteilung von Armut und Reichtum führt zu asymmetrischen Machtverhältnissen, die nicht zuletzt das Erbe von Kolonial- und Apartheideinflüssen sind. Umso wichtiger sind diese 17 Ziele.
Was konnte das Projekt dazu beitragen?
Michael Boecker: Wir haben in Bachelor- und Masterseminaren an den Partnerhochschulen über die Herausforderungen diskutiert und somit über die Teilnehmenden der Symposien und Fachtagungen hinaus in den Hochschulen kommuniziert. Herzstück des DAAD-Projekts war die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses, so dass wir am Ende der Förderphase auf stabile Netzwerke schauen können, die weit über die vier Parteihochschulen hinausgehen und nachhaltig Bestand haben werden.
Die vier Partnerhochschulen
Was bleibt Ihnen besonders in Erinnerung?
Dorothée Boecker: Die gemeinsamen Erlebnisse bei den Symposien und Workshops werden unvergesslich bleiben. Insbesondere das persönliche und fachliche Engagement der Personen hat uns tief berührt. Die Summe der vielfältigen Initiativen und Projekte in den Ländern des Globalen Südens und des Globalen Nordens haben auch für die Zukunft wichtige Akzente gesetzt, die es jetzt gilt weiter auszubauen.
Als Beispiel dienen die vielen Präventionsbücher in Landesprache, die einen wesentlichen Beitrag zur HIV-Prävention, Aufklärung über ungewollte Kinderschwangerschaften und vieles mehr leisten. Diese Kooperation wird den Förderrahmen überdauern und in wissenschaftlichen und ehrenamtlichen Kontexten fortgeführt.
Ein wesentliches Konzept der Länder des südlichen Afrikas heißt „Ubuntu“, frei übersetzt „Menschlichkeit – ich bin, weil wir sind“. Es zeigt die tiefe Verbundenheit von Individuum und Gesellschaft. Diese Philosophie hat uns begleitet und im Kontext der aktuellen Entwicklung einer sich immer weiter individualisierenden Gesellschaft zu einer kritischen Reflexion der Gegenwart aufgefordert.
Wie viele Studierende der FH Dortmund hatten mit dem Projekt zu tun, was haben sie daraus mitgenommen?
Michael Boecker: Mehr als 100 Studierende der FH Dortmund konnten an den Fachtagen, Symposien und Workshops teilnehmen. Viele haben mir die Rückmeldung gegeben, dass sie ihre Teilnahme als wertvoll und bereichernd erlebt haben. Wegen der exklusiven wissenschaftlichen Erkenntnisse, wegen der vielen tragfähigen und fruchtbaren Kontakte und wegen der Erfahrungen vor Ort in Südafrika und Simbabwe.
Resümee von Doktorandin Romina Maillaro
Resümee von Teilnehmerin Tania Sani, Johannesburg (längerer Text, englisch)
Geht es weiter?
Michael Boecker: Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung plant, bis 2031 nahezu alle dieser Hochschulkooperationsprogramme einzustellen. Bereits im laufenden Jahr können zum Beispiel stark nachgefragte SDG-Partnerschaften nicht mehr ausgeschrieben werden.
Dorothée Boecker: Nichtsdestoweniger haben diese acht Jahre, das vierjährige Vorgängerprojekt mitgerechnet, deutliche Spuren hinterlassen und gemeinsame Visionen geprägt. Wir haben ein Netzwerk geschaffen, was weit über die Grenzen Südafrikas, Zimbabwes und Deutschlands hinaus Bestand hat. Ein Netzwerk aus Wissenschaftler*innen, die aus sehr unterschiedlichen Perspektiven alle eine gemeinsame Vison teilen: Die Lebensbedingungen von Menschen positiv zu verändern.
Michael Boecker: Uns eint die Vision, dass Soziale Arbeit einen Unterschied machen kann. Dies gilt sowohl für Individuen und Gruppen, aber auch für die Veränderung struktureller Bedingungen, um Menschen ein Leben in Würde zu ermöglichen und einen Beitrag für soziale Gerechtigkeit zu leisten.
Uns eint die Vision, dass Menschen in bestimmte Verhältnisse hineingeboren werden und nicht immer ihr Glück selbst bestimmen können. Dafür bedarf es individueller Unterstützung und veränderter Rahmenbedingungen. Soziale Arbeit kann, mit Maß und Ziel, Schicksale korrigieren.
Uns eint die Vision, dass die Sustainable Development Goals der United Nations ein Kompass darstellen können, die Welt positiv zu verändern. Wir wissen, dass dies nur inter- und transdisziplinär möglich ist und hegemoniale Machtverhältnisse eine große Rolle spielen.
Uns eint die Vision, dass wir als Wissenschaftler*innen eine Vorbildrolle übernehmen müssen, um jenseits geopolitischer Verwerfungen sprachfähig zu bleiben und die nachfolgenden Generationen darauf vorzubereiten, mit Sinn, Ziel und Verstand unsere Gesellschaften kraftvoll mitgestalten zu können und für die uneingeschränkte Würde von Menschen einzutreten.
Nelson Mandela sagte: „It is in your hands to create a better world for all who live in it.“ Wir stimmen ihm zu.